158 Professor:innen unterzeichnen „Weckruf“ zur Psychotherapie

Mitte Oktober 2023 wurde an einen größeren Kreis von Professor:innen* im Bereich der Psychotherapie (im weiteren Sinne) ein „Weckruf“ verschickt (Initiatoren: Prof. Dr. Michael B. Buchholz und Prof. Dr. Jürgen Kriz).  Dieser wurde inzwischen von  157 Professor:innen (Stand Jan. 2024) unterzeichnet.

Gegenstand und Anlass. Aktuell findet ein Diskurs über die Zukunft der Psychotherapie in Deutschland statt – nicht zuletzt ausgelöst durch ein neues Psychotherapeutengesetz (PsychThG, 2020), und die sich daraus ergebenden Fragen von Aus- und Weiterbildung sowie die Bewertung von unterschiedlichen Ansätzen der Psychotherapie.

Obwohl ein offener Diskurs grundsätzlich sehr erfreulich wäre, sehen die Unterzeichner mit Sorge, dass dabei nicht oder zu wenig die Ergebnisse internationaler Psychotherapieforschung berücksichtigt werden. Diese belegen die Relevanz eines bio-psycho-sozialen Verständnisses in der Psychopathologie und –therapie sowie die große Bedeutsamkeit von kontextuellen Zusammenhängen, menschlichen Lebenswelten und Sinnorientierung für  therapeutische Behandlung von psychischen Leidenszuständen.

Warum nur Professor:innen? Die Kritik an der Einseitigkeit der deutschen Psychotherapie ist nicht neu: Bereits 2006 wurde mit der „Bonner Erklärung“ die Sorge ausgedrückt, dass in der deutschen Psychotherapie eine Verengung der Denkperspektiven stattfindet und sinnverstehende, einem humanistischen Menschenbild verpflichtete psychotherapeutische Traditionen hierzulande immer weniger Platz haben. Dieser Aufruf erhielt mit rd. 2.500 Unterschriften eine breite Resonanz. Die Unterzeichner wurden damals allerdings diskreditiert und die Berechtigung zur Beurteilung solcher Fragen in Zweifel gezogen. Daher werden im aktuelle „Weckruf“ als Unterzeichner nur Professor:innen aufgeführt* – diesen lässt sich die Kompetenz für Fragen der Lehre und Ausbildung nicht absprechen.

Zusätzlich haben allerdings zahlreiche „nicht-Profs“  (in Praxen, Kliniken – bis hin zu Klinikchefs oder z.B. die gesamte „Sektion Klinische Sozialarbeit“ der DGSA) ebenfalls gemailt, dass sie den „Weckruf“ und seine Forderungen voll unterstützen.

Welches Ziel wird verfolgt? Die Initiatoren betonen, dass sich der „Weckruf“ nicht gegen irgend Jemanden richtet. Vielmehr sollen damit jene Positionen im Diskurs unterstützt werden, die sich für den (Wieder-)Anschluss der Psychotherapie(forschung) in unserem Lande an die internationalen Standards bezüglich Methodenpluralität, Forschungsvielfalt und Evidenzbasierung einsetzen (inklusive qualitativer Forschung statt Reduktion auf Standardmethoden der Pharmaforschung – sog. „RCT“s).

Der „Weckruf“ präzisiert dies in einer Reihe von Forderungen, die darauf abzielen, bei den anstehenden Beratungen und Beschlüssen der Funktionäre in den Entscheidungsgremien diese Aspekte nicht länger auszublenden.

Daher wird der „Weckruf“ mit der Liste der Unterzeichner an Psychotherapie–Kammern, den DPT, Entscheidungsgremien, Gesundheitsbehörden und an Medien geschickt.

Rückfragen ggf. an

Prof. Dr. Dr. Michael B. Buchholz buchholz.mbb@t-online.de

Prof. Dr. Jürgen Kriz kriz@uos.de

hier geht´s zum Text des „Weckruf“s:  „Weckruf“-Text

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* für jene, die es ganz genau nehmen: es sind in der Liste auch 4 promovierte, habilitierte Lehrende, die formal keinen Professoren-Titel haben.